Der 1972 in den USA geborene Regisseur Shane Carruth machte 2004 erstmals durch den etwas anderen Zeitreisefilm PRIMER („DONNIE DARKO für Grown-Ups“) auf sich aufmerksam, wo er bereits als Regisseur, Kameramann, Drehbuchautor, Hauptdarsteller sowie Cutter und Komponist fungierte. Das damals noch unbekannte Multitalent kehrt nun nach 9 Jahren filmischer Abstinenz mit seinem sehr eigenen und einzigartigen UPSTREAM COLOR auf die Kinoleinwand zurück. Dies betrifft vorerst nur einige Filmfestivals, wie auch das „Sundance Film Festival“, auf dem er den diesjährigen Spezial Price Award für sich gewinnen konnte. Einen deutschen Kinostart gibt es bislang nicht. Bereits sein „kleiner Bruder“ PRIMER hat nie das Licht der grossen Leinwand erblicken dürfen, sondern wurde gleich als Direct-to-DVD-Produktion veröffentlicht.

Kris (bezaubernd: Amy Seimetz) wird von einem Fremden mit einer Made unter Drogen gesetzt. In einer Art Dauerhypnose lässt sie sich freiwillig ausrauben und dient einem in ihr wachsenden Wurm als Nährboden. Ein dubioser Arzt kann den Parasiten zwar entfernen, pflanzt ihn aber in ein Schwein ein, das daraufhin ebenfalls Kris‘ Namen trägt. Die Essenz lässt sich erahnen: Mensch und Schwein sind nun spirituell miteinander verbunden. (Quelle: Fantasy Filmfest Programmheft)

Wie kritisiert man einen Film, bei dem man selbst nach zweifachem Sichten nur seine eigene Interpretation als Lösungsvorschlag hat? Denn sowohl die technische Umsetzung, das bis ins kleinste Detail ausgefeilte und durchdachte Drehbuch, als auch die hypnotisierende, in einen Bann ziehende Schauspielkunst der beiden Protagonisten Kris (Amy Seitz) und Jeff (Shane Carruth), machen UPSTREAM COLOR zu einem der nachhaltig innovativsten Filmerlebnisse der letzten Jahre. Bereits bei dem Versuch den Film in ein Genre pressen zu wollen, scheitert der Zuschauer kläglich. UPSTREAM COLOR ist sowohl als tiefschürfendes Drama und eigenständiger Liebesfilm, als auch Science-Fiction-Vision mit Thrillerelementen zu verstehen. Man kann fast schon sagen, dass Shane Carruth mit seinen beiden letzten Werken das Filmgenre neu erfunden hat.

Sein zweites Meisterstück hat keinen stringenten Aufbau und ist mit seiner auf den ersten Blick unlogischen Erzählweise für den Zuschauer, welcher ein klassisch geprägtes Erzählkino gewöhnt ist, eine echte Herrausforderung. Das Publikum muss sich voll und ganz auf die hypnotische Sogwirkung des Films einlassen und der Logik der alltäglichen Sichtweise für 96 Minuten entsagen. Fast schon im Stile eines David Lynch‘s oder eines Terrence Mallick’s katapultiert er den Kinobesucher in eine Welt, auf die man sich einlassen muss, ohne zu versuchen, dem Gesehenen einen logisch nachvollziehbaren Sinn zu geben. Der Film ist vielmehr erfühlbar als mit dem Verstand begreifbar. Dies wird durch das fast schon „tripartige“, sehr athmosphärische Bildgemälde (ebenfalls von Carruth erzeugt) großartig unterstützt.

Eine weitere Stärke des Films ist das Soundesign und die Musik, welche, wie auch schon bei PRIMER, gekonnt unterschwellig eingesetzt wird. Wenn es darauf ankommt, prasseln die Soundeffekte mit einer derartigen Wucht auf den Zuhörer ein, dass selbst benachbarte Kinosäle Wind davon bekommen. Shane Carruth hat mit UPSTREAM COLOR etwas erschaffen, das man so noch nicht auf der Kinoleinwand erlebt hat. Wie oben schon erwähnt, kann man ihn wohl am ehesten mit den verstörenden Werken von David Lynch, Michel Gondry und den Bildgemälden von Terrence Mallick vergleichen, welche auch auf Ihre Art und Weise bereits das Genre neu erfunden haben. Er weiß definitiv, wo seine Stärken liegen, und schon bald wird es mit THE MODERN OCEAN ein hoffentlich mindestens genauso faszinierendes Filmerlebnis geben (die Dreharbeiten beginnen noch in diesem Jahr). Allerdings kann man jetzt schon sagen, dass UPSTREAM COLOR die Filmgemeinde in zwei Lager aufspalten wird ; die Einen, die ihn lieben und die Anderen die ihn hassen werden. Dazwischen wird es wenig geben.

Fazit: Wenn man den, leider doch zu oft benutzten und dadurch seiner Einzigartigkeit beraubten Begriff des Meisterwerks verwendet, dann hat UPSTREAM COLOR ihn auf jeden Fall verdient. Es ist Erlebniskino der ganz besonderen Art und für mich der beste Beitrag des diesjährigen „Fantasy Filmfestes“, wenn nicht sogar der letzten Jahre. Der Film ist eine Empfehlung für alle, die mal wieder eine filmische Offenbarung erleben und mit dem Gefühl aus dem Kino gehen wollen, etwas Andersartiges gesehen zu haben. Ich verspürte den sofortigen Drang das Gesehene wieder zu erleben, um mehr Licht ins Dunkel bringen zu können.

Sven Asbach

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