Berlinale 2016 … oder auch auf der Suche nach dem Glück (in uns selbst) …

 Geschrieben am 22. Februar 2016 - 9:54 Uhr von Kino7.de

Vom 11 bis zum 21 Februar 2016 war es endlich wieder soweit. Die Stars und Sterne der Filmwelt versammelten sich um den Potsdamer Platz, um gemeinsam die 66. Filmfestspiele von Berlin, die Berlinale, zu feiern, und die neuesten Kreationen der Filmemacher zu bestaunen.

Unser Autor Sven Asbach hat sich unter die bunte Menge gemischt. Passend zum 66. Jubiläum der Filmfestspiele hat er es sich ebenfalls 66 Mal im Kinosessel gemütlich gemacht und berichtet uns von seinen filmischen Erlebnissen.

Von einem Schamanen auf der Suche nach einer geheimnisvollen Heilpflanze, einem Vater, der alles dransetzt, seinen, mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ausgestatteten Sohn, vor der Regierung zu schützen, einem kleinen Jungen, der sich tagtäglich zwischen zwei Welten wiederfindet und einem Computervirus, der sinnbildlich für die Gefahren entfesselter Technologien und der daraus resultierenden unkontrollierten politischen Macht steht …

Noch nie war der Ansturm auf Festivaltickets so groß wie in diesem Jahr. Mit rund 337.000 verkauften Karten, wurde ein neuer Rekord in der nun 66 jährigen Geschichte des berühmten Filmfestivals erreicht.

Das mag zum einen sicherlich an dem großen Staraufgebot liegen, welches in den elf Tagen über den roten Teppich marschierte. Stars wie George Clooney, Tilda Swinton, Daniel Brühl, Kirsten Dunst, Don Cheadle, Julianne Moore und Guy Pearce gaben sich unter anderem die Klinke in die Hand, um nur Einige zu nennen. Zum anderen aber auch mit Sicherheit an der Auswahl der fast 450 Filme aus aller Welt, die qualitativ ebenfalls auf einem sehr hohen Niveau lagen.

Das Motto der diesjährigen Berlinale lautete „Das Recht auf Glück“ oder auch „Die Suche nach dem Glück“. In nahezu jedem Film war dieses Thema in allen nur erdenklichen Formen präsent.

Auch ich hatte das Glück, mich auf eine filmische Entdeckungsreise der etwas anderen Art zu begeben. , Passend zum 66. Jubiläum durfte auch ich 66 Mal erleben, wie sich der Vorhang lüftete und den Berlinale Teaser mit dem berühmten Bären zum Vorschein brachte.

Meinen persönlichen Marathon startete ich mit dem Eröffnungsfilm „ Hail Caesar“, von den bereits mit vier Oscars ausgezeichneten Coen Brüdern. Mit einem Staraufgebot, welches seinesgleichen sucht (George Clooney, Tilda Swinton, Josh Brolin, Scarlett Johansson, Ralph Fiennes und Co geben sich die Ehre), lassen sie uns, auf die ihre eigentümliche Art und Weise, in das Hollywood der 50er Jahre blicken. Dort dürfen wir einem George Clooney dabei zugucken, wie er, als ebenfalls renommierter Schauspieler von einer Gruppe kommunistischer Drehbuchschreiber entführt wird.

Dies geschieht alles in gewohnter Coen-Marnier, wenn auch nicht so brillant wie in etlichen anderen Werken des Regieduos bereits unter Beweis gestellt.

Als Berlinale Opener hingegen stellte sich die etwas schrullige Hollywoodsatire jedoch als die perfekte Wahl heraus.

Da weder die Zeit noch der Platz ausreichen würde, meine 66 gesichteten Berlinale Beiträge genauestens unter die Lupe zu nehmen, habe ich meine persönlichen Favoriten in den Fokus gestellt. Von den gesehenen Filmen gab es nur drei, bei denen ich entweder das Kino verlassen oder einfach nur die Zeit des Films mit Schlummern überbrückt habe. Alle anderen lagen entweder optisch, inhaltlich oder im Gesamtkontext im oberen Qualitätssegment.

Da wäre zum einen das Wettbewerbsprogramm, in welchem 18 von 24 Filmen in das Rennen um den goldenen Bären gingen. Die sechs übrigen Filme liefen außer Konkurrenz. Den goldenen Bären für sich gewinnen konnte hier der zurzeit politisch aktuellste Wettbewerbsbeitrag „Fuocoammare“- „Fire At Sea“. Es wird die Geschichte eines kleinen Jungen erzählt, der auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa lebt, welche als Metapher für die Flüchtlingsbewegung weltweit zu sehen ist. In dokumentarischer Form beschreibt Regisseur Gianfranco Rosi in bewegenden Bildern die Misere und zeigt auf, wie sich zwei unterschiedliche Welten selbst auf kleinstem Raum kaum berühren müssen.

Die weiteren 17 Wettbewerbsfilme konnten unterschiedlicher nicht sein. Zu meinen persönlichen Favoriten zählten hier die Filme aus China „Crosscurrent“, Neuseeland „Mahana“-„The Patriarch“, Frankreich „Quand on a 17 ans“- „Being 17“und den USA „Midnight Special“ und „Zero Days“.

In Yang Chao’s „Crosscurrent“ verschmelzen chinesischer Alltag, Politik und Poesie, Außen- und Innenwelt zu einem magischen Universum, welches die Berlinale Jury mit dem Preis für eine herausragende künstlerische Leistung ehrte und Kameramann Mark Lee Ping-Bing den silbernen Bären in sein Heimatland China mitnehmen durfte.

Weitere silberne Bären gingen an “Smrt U Sarajevu“ – „Death In Sarajevo“(Großer Preis der Jury), „Hele Sa Hiwagang Hapis“ – „A Lullaby To The Sorrowful Mystery“(Alfred Bauer Preis), Mia Hansen Love mit „L’avenir“ – „Things To Come“für die beste Regie, Trine Dyrnholm mit „Kollektivet“ – „The Commune“für die beste Darstellerin, Majd Mastoura mit „Inhebbek Hedi“ – „Hedi“für den besten Darsteller und Tomasz Wasilewski mit „Znedjoczone Stani Milosci“ – „United States Of Love“für das beste Drehbuch. An dieser Stelle muss aber leider gesagt werden, dass, zumindest in puncto Wettbewerb die Qualität des letzten Jahres nicht erreicht werden konnte.

Umso qualitativ hochwertiger fielen die Filme in der Sektion Panorama aus. Dort gab es in diesem Jahr einige Schmuckstücke zu entdecken. Unter dem Thema „Heute“ standen unterschiedlichste Filme Pate. Der heutigen Todesstrafe etwa widmeten sich gleich drei Beiträge. Das von der ersten bis zur letzten Minute spannende, obgleich fast nur im Gerichtsaal spielende Gerichtsdrama “Shepherds And Butchers“, die brasilianische Dokumentation „Curumim“ und der Eröffnungsfilm des Panoramas “Já, Olga Hepnarová“- „I, Olga Hepnarova“.Letzterer erzählt die Lebens- und Liebesgeschichte der zum Tode verurteilten Olga Hepnarova , die, um ein Exempel zu statuieren im Juli 1973 mit gerade mal 22 Jahren in eine Menschengruppe rast , von denen acht ihr Leben lassen mussten.

Auch erwähnenswert aus der Sektion Panorama, da sie mir entweder besonders gefielen oder auf Grund ihrer Erzählstruktur und Optik in Erinnerung blieben, sind folgende Filme:

Der großartige etwas an David Lynch und an den deutschen Beitrag von letztem Jahr, den ebenfalls herausragenden „Der Bunker“ erinnernde „Aloys“. Hier werden wir Zeuge, wie schnell die Grenzen zwischen Observation und Obsession verschwimmen können. Wirklich fesselnd erzählt ist auch einer der wenigen Beiträge aus Chile (vier Mal filmisch stark vertreten in den Kategorien Generation KPlus und 14Plus sowie Panorama). Der Film „Aquí No Ha Pasado Nada“ – „Much Ado About Nothing“ des chilenischen Regisseurs Alejandro Fernández Almendras kritisiert das eigene Rechtssystem am Beispiel des Martín Larraín, welcher im Jahre 2013, trotz nachweislichen Überfahrens eines Mannes, auf Grund seiner Privilegien in der Gesellschaftsklasse und den Beziehungen seines Vaters freigesprochen wurde. Almendras Film überzeugt hinsichtlich Regie, Drehbuch, Schauspielern und Soundtrack auf ganzer Linie und gehört zu meinen Favoriten der diesjährigen Berlinale.

Ebenfalls herausragend sind die Filme „Les Premiers, Les Derniers“ – „The First, The Last“, eine Art Westernballade der Neuzeit, und der mit dem Teddy Award ausgezeichnete Spielfilm aus österreichischen Landen „Kater“ – „Tomcat“, in dem der Regisseur Klaus Händl mit viel Feingefühl in einer Art poetischer Ballade von der Fragilität der Liebe erzählt, und was passiert, wenn ebendiese durch eine scheinbare Kleinigkeit zu bröckeln beginnt.

Weitere starke Filme aus der Sektion Panorama waren für mich der brasilianische Film „Mae Só Há Uma“- „Don’t Call Me Son“, der amerikanische „Goat“, der britische „Remainder“ , der brasilianische „Antes O Tempo Nao Acabava“- „Time Was Endless“, in dem sich ein indigener Junge zwischen der „alten“ Welt seiner Ahnen und der heutigen digitalen Zivilisation entscheiden muss, sowie der israelische Beitrag „Sufat Chol“- „Sand Storm“, welcher zugleich auch in Sundance den großen Preis der Jury für sich gewann.

In der Sektion Forum gab es auch einige Neuentdeckungen. Diese Sektion zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass alles möglich ist. Vom Dokumentarfilm bis zum experimentellen Erguss ist im Forum alles angesiedelt.

Der aus Saudi Arabien stammende Regisseur Mahmoud Sabbagh macht mit seinem „ Barakah Yoqabil Barakah“ keine Ausnahme und beweist, dass auch aus Ländern, in denen man momentan nicht viel zu lachen hat, wirklich lustige und abgefahrene Komödien kommen können. Im Dokumentarfilm „Fei Cui Zhi Cheng“ –„City Of Jade“ wird die Geschichte jener Männer gewürdigt, die tagein tagaus in den Jademinen zwischen Myanmar und China ihr Dasein fristen und auf ebendieses Motto der diesjährigen internationalen Filmfestspiele von Berlin hoffen, auf das große Glück reich zu werden und zu ihren Familien zurückkehren zu dürfen. Der ungarische Beitrag „Liliom Ösvény“- „Lily Lane“ erzählt in traumartigen Bildern die Beziehung zwischen Mutter und Sohn in Form eines Märchens, um so die knallharte Realität nicht anerkennen zu müssen, denen sich Kinder durch Scheidung und damit verbundene Trennung von der Familie ausgesetzt sehen.

Auch beindruckt hat mich, die vor eigener Haustür gedrehte Dokumentation „Manazil Bela Abwab“- „Houses Without Doors“, des aus Aleppo stammenden Regisseurs Avo Kaprealian. Er schildert unter Einsatz seines Lebens und ständiger Gefahr entdeckt zu werden, die Zustände aus dem Kriegsgebiet in Syrien und vermischt dies gekonnt mit eigenen familiären Verstrickungen. Abschließend positiv, wenn auch geschockt zurückgelassen, hat mich der Tschechische Film „Nikdy Nejsme Sami“- „We Are Never Alone“. In schwarz- weißen Bildern treffen eine handvoll Menschen im Nirgendwo der tschechischen Provinz aufeinander. In Metaphern und stilvollen Gewaltausbrüchen erzählt Regisseur Petr Vaclav seine Parabel der schrulligen und dennoch auf ihre Art sehr sympathischen Protagonisten.

Die Sektion Generation 14 Plus widmete sich, wie in jedem Jahr, dem jüngeren Publikum und bewies erneut, dass man fast blind Filme aus der Kategorie wählen kann, ohne auch nur im Ansatz enttäuscht zu werden. Mit „Es Esmu Seit“- „Mellow Mud“ und „Las Plantas“- „Plants“ wurden gleich zwei besondere Filmkunstwerke mit dem gläsernen Bären für den besten Film und als lobende Erwähnung ausgezeichnet. „Mellow Mud“zeichnet die persönliche Entwicklung einer jungen Frau auf dem Weg zum Erwachsenwerden nach und „Plants“ beschreibt das sexuelle Erwachen einer Teenagerin, die selbstbestimmt ins Leben tritt. Nebenbei wirft der Film noch die Frage auf, was ist in unserer Welt alles beseelt? Was existiert außer unserer wahrnehmbaren Wirklichkeit? Wo hört Wirklichkeit auf und wo fängt Fantasie an?

Zu meinen absoluten Favoriten der diesjährigen Filmauswahl zählten Filme, die weder in den bekannten Kategorien, noch im Wettbewerb vertreten waren. Der Film „El Abrazo De La Serpiente“ – „Embrace Of The Serpent“ des Kolumbianers Ciro Guerra hat mich ganz besonders fasziniert. In ruhigen und dennoch hypnotischen Bildern wird die Geschichte des Schamanen Karamakate erzählt, der auf zwei westliche Wissenschaftler trifft und diesen hilft, die sagenumwobene Heilpflanze Jacruna zu finden. Kritik an westlicher Profitgier sowie die Gegenüberstellung von schamanischem Denken und wissenschaftlichen Thesen sind Hauptbestandteile dieses delirischen Amazonas Trips. Dieses kolumbianische Meisterwerk ist zu Recht als bester ausländischer Film bei der diesjährigen Oscar Verleihung nominiert und hat auch in Sundance bereits den beliebten Alfred P. Sloan Preis für sich gewinnen können.

Als letztes erwähnen möchte ich noch das österreichische Drama „Einer Von Uns“- „One Of Us“ des Erstlingsregisseurs Stephan Richter. Er nimmt uns mit auf eine Tour de Force, welche fast gänzlich in und um einen Supermarkt angesiedelt ist. In ruhigen Kamerafahrten, die Produktpalette des Supermarktes glanzvoll in Licht gerückt, erzählt er die wahre Geschichte des 14 jährigen Julian, der nach einem Einbruch in besagtem Supermarkt von der Polizei ohne ersichtlichen Grund erschossen wurde. Richter montiert seinen Film gekonnt mit wertfreiem Blick auf die Protagonisten und wurde beim Max Ophüls Wettbewerb in Saarbrücken mit dem Preis für den besten Film prämiert.

Die Berlinale 2016- ein Festival der Superlative, welches auf dem internationalen Filmmarkt seinesgleichen sucht. Ganze 187 Weltpremieren wurden gezeigt. Die Berlinale als Ort, um weltpolitische Themen in den Vordergrund zu rücken und ihnen filmische Denkmäler zu setzen. Auch dieses Jahr ist dies wieder vollends gelungen.

Auch wenn die Wettbewerbsbeiträge qualitativ nicht an das Niveau vom Vorjahr anknüpfen konnten, so haben mich doch gerade die „kleinen“ Filme aus den anderen Sektionen begeistern können.

Ich freue mich jetzt erstmal über ein gutes Buch und die nötige Ruhe zum Abschalten. Nicht minder freue ich mich schon jetzt auf die Berlinale 2017, welche hoffentlich ebenso qualitative, filmische Werke bereit hält wie in diesem Jahr.

Sven Asbach

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