Den Namen Steve McQueen assoziieren die Meisten wohl mit dem Action- und Charakterdarsteller aus den 70er Jahren. Das seit 2011 erneut jemand mit gleichem Namen am Stern des Filmfirmaments hell leuchtet ist den Wenigsten bekannt. Dieser Jemand hat es wieder einmal geschafft mit 12 YEARS A SLAVE einen Film in die deutschen Kinos zu bringen (Kinostart 16.01.2014), der jetzt schon klar zu den großen Favoriten der diesjährigen Oscar-Verleihung zählt. Mit insgesamt neun Nominierungen (unter anderem für den Besten Film, Hauptdarsteller und Regie) steht er in der Liste der „Academy-Lieblinge“ gleich nach GRAVITY und AMERICAN HUSTLE (jeweils 10 Nominierungen).

12 YEARS A SLAVE erzählt die aufwühlende und wahre Geschichte des Afro-Amerikaners Salomon Northup (Chiwetel Ejifior) der in den Nordstaaten Amerikas zusammen mit seiner Familie ein einfaches aber glückliches Leben als freier Mann lebt. Diese Idylle wird gestört, als ihm seine Fähigkeit als virtuoser Geigenspieler zum Verhängnis wird. Von skrupellosen Betrügern reingelegt, findet er sich in Ketten auf einem Sklavenschiff wieder und muß die nächsten 12 Jahre seines Lebens, von jeglichen Rechten befreit und zum Sklaven degradiert um sein Überleben kämpfen…

Steve McQueen machte mit seinen letzten beiden Meisterwerken HUNGER und SHAME auf sich aufmerksam, welche diverse Preise mit nach Hause nehmen durften. Unter anderem gewannen sie die Caméra d’Or bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes (HUNGER) und den FIRESCI Award auf den Filmfestspielen in Venedig (SHAME). Der Cast von 12 YEARS A SLAVE kann sich sehen lassen. Hochkarätige Charakterdarsteller wie Steve McQueens „Zugpferd“ Michael Fassbender (HUNGER, SHAME, INGLOURIOUS BASTERDS), Benedict Cumberbatch (SHERLOCK, STAR TREK INTO DARKNESS), Paul Dano (PRISONERS, THERE WILL BE BLOOD), Paul Giamatti (SIDEWAYS) und Brad Pitt (WORLD WAR Z, FIGHT CLUB) spielen Seite an Seite mit den nicht weniger brillanten Newcomern Chiwetel Ejiofor (CHILDREN OF MEN, AMERICAN GANGSTER), Sarah Paulsen (MUD, MARTHA MARCY MAY MARLENE) und Lupita Nyong’o; welche hier ihr Leinwanddebüt gibt.

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Selten hat einen ein Film so sehr bewegt, wie die Leidensgeschichte des Salomon Northup in 12 YEARS A SLAVE. Das liegt zum Einen daran, daß der britische Regisseur die Torturen, die Sklave Northup im Laufe der Jahre über sich ergehen lassen muss, auf unbeschönigte Weise in all ihren Facetten mit einer unglaublichen Wucht auf die Leinwand bringt. Der Zuschauer leidet jede Filmminute auf seine Art mit der Argonie des Hauptcharakters. Aus Sicht des Leidenden, dennoch losgelöst von jeglichem Klischee, nimmt Steve McQueen den Zuschauer auf seine erbarmungslose Tour de Force mit und lässt uns sein Schicksal am ganzen Körper spüren.

Der 44-jährige Regisseur versammelte außer dem großartigen Cast eine Anzahl von Experten um sich. Unter Anderem seinen Haus- und Hof-Kameramann Sean Bobbit (THE KILLER INSIDE ME, THE PLACE BEYOND THE PINES), welcher ihn bereits bei HUNGER und SHAME mit einzigartigen Bildern unterstützte. Die Bildsprache von 12 YEARS A SLAVE ist geprägt von langen, zermarterten Einstellungen der Folter Solomons und seinen Leidensgenossen und saugt einen mit sehr prägnanten Nahaufnahmen mitten ins Geschehen hinein. Zusammen mit Produktionsdesigner Adam Stockhausen (DARJEELING LIMITED, MOONRISE KINGDOM) und Kostümbildnerin Patricia Norris (David-Lynch-Veteranin – angefangen von DER ELEFANTENMENSCH bis hin zu STRAIGHT STORY) lässt Steve McQueen die Welt des Sklavenhandels von 1841 bis 1853 wieder auf besondere Art und Weise lebendig werden. Er hält der amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vors Gesicht und bringt die fast schon vergessene Zeit, ohne Beschönigung irgendwelcher Tatsachen, bewusst wieder ins Gedächtnis der Menschen.

Zu erwähnen sei noch die wirklich oscarreife Darstellung von Solomon Northup, gespielt von Chiwetel Ejiofor. Er schafft es brillant das seelische Innenleben des über Jahre hinweg Gepeinigten nach Außen zu kehren, ohne dabei zu aufgesetzt oder pathetisch zu wirken. Man glaubt ihm jede Minute, dass das, was ihm gerade widerfährt, bittere Realität ist. Ebenfalls herausragende Leistungen zeigen die Newcomerin Lupita Nyongo und der Rest des Casts. Michael Fassbender lebt die Rolle des despotischen Plantagenbesitzers Edwin Epps bis in die kleinste Faser seines bitterbösen Ichs. Man hat sogar Mitleid mit dem Tyrannen und versucht nachzuvollziehen, was einen Menschen zu derart boshaften Handlungen fähig werden lässt, angefangen von extremstem Selbsthass bis hin zum Leiden der Welt. Auch nicht vergessen darf man die erneute Leistung Paul Danos und Benedict Cumberbatchs, welche von Anfang bis Ende restlos überzeugen können.

Abgesehen von allen erwähnten positiven Eigenschaften des Films ist 12 YEARS A SLAVE Steve McQueens zürückhaltendste Regiearbeit. In HUNGER und auch SHAME erzählt er noch ungeschönter von den Abgründen des Menschen und ihren Abhängigkeiten von der Gesellschaft. Es wäre wünschenswert, wenn er auch hier seine volle Direktheit ohne Hollywoodeinflüsse erneut zum Ausdruck gebracht hätte.

Fazit: 12 YEARS A SLAVE ist ein wirklich wichtiger und unumgänglicher Film über die Sklaverei in den USA, so wie sie auch wirklich stattgefunden hat. Mit Hilfe der Vorlage, des vom real existierenden Solomon Northup geschriebenen Buches „12 Years a Slave“, in dem er seine gesamte Tour de Force mit akribisch virtuoser Inszenierung der Geschehnisse beschreibt, erschüttert Steve McQueen unsere heile Welt und lässt uns am ganzen Körper zitternd im Kinosessel zurück. Eine Intensität, wie man sie so im Kino selten erlebt.

★★★★½

Sven Asbach

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