Sex sells! Und das gilt in jeder Situation: Will man eine möglichst hohe Anzahl von Interessenten locken, sollte man auf tunlichst viel nackte Haut setzen. Ich ertippe mich selbst manchmal dabei, mir im Internet einen Artikel anzuschauen, der mich eigentlich überhaupt nicht interessiert, in dem es allerdings minimalst bekleidete Frauen zu begutachten gibt.
Denn Sex ist und bleibt ein Grundbedürfnis, sogar ein genetisch bedingter Trieb des Menschen, und das muss auch so sein. Nicht umsonst ist Prostitution das älteste und erfolgreicheste Gewerbe der Welt.

Doch ab wann wird der Einsatz von Erotik pure Geldmacherei? Ab wann kann man die plakative Zurschaustellung von Geschlechtsverkehr schlicht und ergreifend als Mittel zum Zweck bewerten? Dies trifft sicherlich für einige Branchen zu, doch in Hollywood gilt es bei Pornographie wie mit jedem anderen Genre auch: Geschmäcker sind verschieden!

Nichtdestotrotz möchte ich mich heute dem Thema Echter Sex im Film widmen, um die schmalen Grenzen zwischen Sinnlichkeit und Kitsch, Erotik und Porno oder Kunst und Provokation einmal zu erläutern. Außerdem wollt Ihr doch alle wissen, ich welchen Filmen der Geschlechtsakt real war, oder?

SPECIAL

Sprechen wir von echtem Sex im Film, kommt den meisten Liebhabern kontroverser Dramen sofort der Name Lars von Trier in den Sinn. Und das völlig zu Recht, denn von Trier zeichnet sich für einige Filme verantwortlich, in denen es „richtig zur Sache geht“, wie z.B Idioten oder Antichrist, auf die ich in dieser Liste allerdings nicht weiter eingehen werde. Doch damit kommen wir auch direkt zu unserem ersten Film:

NYMPHOMANIAC (2013)

In insgesamt 327 Spielminuten erzählt die 40-jährige Nymphomanin Joe (Charlotte Gainsbourg) dem eloquenten Junggesellen Seligman (Stellan Skarsgård), der sie zusammengeschlagen in einer Gasse fand, ihre Lebensgeschichte. Dabei ist Lars von Triers Erotik-Drama Nymphomaniac ein regelrechtes Aushängeschild für echten Sex im Film und gleichzeitig ein knallhartes und tiefsinniges Drama. Denn die Werke eines Lars von Triers machen vieles, aber ganz sicher keinen Spaß. Der dargestellte reale Geschlechtsakt untermalt das zwanghafte Verlangen nach Sex, welches die Krankheit Nymphomanie mit sich bringt. Hier stimmt einfach alles, ein unfassbar nihilistisches Meisterwerk!

Apropos unglaublich guter Film: Der Wahl-Franzose Gaspar Noé (Menschenfeind, Irreversible, Enter The Void) zählt zu meinen absoluten Lieblingsregisseuren. Sein 2015 erschienenes Porno-Drama LOVE reiht sich ebenfalls in die Liste der Filme mit echtem Sex ein.

LOVE (2015)

Murphy (Karl Glusman) und Elektra (Aomi Muyock) führen seit 2 Jahren eine durch Sex und Drogen geprägte Beziehung. Auf der stetigen Suche nach neuen Kicks landet das Paar mit der attraktiven Nachbarin Omi (Klara Kristin) im Bett, nicht wissend, dass diese ménage à trois die Beziehung der beiden Liebenden extrem gefährden könnte. Ein Film wie LOVE, dessen Story durch den Koitus vorangetrieben wird, kann seine Daseinsberechtigung eigentlich nur durch authentischen Imtimverkehr untermauern. Dabei plätschert die gezeigte Kopulation lediglich als Konter zu den eskalierenden Streigesprächen zwischen Murphy und Elektra vor sich hin. Vielleicht nicht Noés Prunkstück, aber ganz klar ein absolut großartiger Film über die Korrelation zwischen Liebe und Hass.

Kommen wir nach zwei Perlen des Genres nun zu einem Paradebeispiel für die Verschwendung von Lebenszeit …

The Brown Bunny (2003)

Vincent Gallo ist ein US-amerikanischer Schauspieler, Regisseur, Musiker, Fotograf und Maler. Die bedeutendste Publicity wurde ihm allerdings durch die Brown-Bunny-Kontroverse zuteil. Zum einen, da der Film eine explizite Fellatio-Szene zwischen Gallo und dem Model Chloë Sevigny (Jenny aus Kids) beinhaltet, zum anderen, da der Film einen extremen Streit zwischen Gallo und dem renommierten Filmkritiker Roger Ebert entfachte. Dieser bezeichnete den Film nämlich als „schlechtesten in der Geschichte der Filmfestspiele von Cannes“, wonach Gallo dem „fetten Schwein“ Krebs wünschte, woran Ebert letztendlich auch verstarb. Ich kenne weißgott nicht annähernd alle Filme, die jemals in Cannes gezeigt wurden, aber ich kann mir gut vorstellen, dass Ebert mit seiner Aussage richtig lag. Wenn man allerdings über die ersten 80 Minuten und den professionellen Blowjob der hübschen Sevigny hinwegsieht, wird man in den letzten 5 Minuten doch tatsächlich noch mit einem hervorragenden Storytwist belohnt. Ob es das wert ist? Natürlich nicht!

Da ich gerade den Film KIDS erwähnte, schlage ich die Brücke nun zu einem weiteren unglaublich wichtigen Filmemacher: Larry Clark. Der Regisseur von KIDS und BULLY – Diese Kids schockten Amerika steuert nämlich den nächsten Film bei …

Ken Park (2002)

Das Leben der Teenager Shawn (James Bullard), Tate (James Ransone), Peaches (Tiffany Limos) und Claude (Stephen Jasso) ist aufgrund ihres Milieus durch sexuellen Missbrauch und Gewalt geprägt. Trotzdem, oder gerade deshalb, versuchen die pubertierenden Jugendlichen immer wieder den Phönix aus der Asche zu mimen. Die elegischen Schöpfungen von Clark sind bekanntermaßen schwere Kost und wirken nach wie ein Dampfhammer. In Ken Park gelingt ihm sogar das schier unmögliche, indem er explizite Sexszenen derart desolat und kontrastarm darstellt, dass die Liebesspiele nicht den geringsten Hauch von Erotik oder Sinnlichkeit versprühen. Während der Film in den USA für heftige Kontroversen sorgte, wurde die bedrückende Aussage des Streifens hierzulande in Realtion mit der Freizügigkeit gesetzt und Ken Park wurde von der Fachpresse völlig zurecht über den grünen Klee gelobt.

Unser nächster Film hingegegen spaltet ein wenig die Gemüter. Während er bei der Berlinale 2001 unter anderem den Goldenen Bären abräumte, zeigt sich das breite Publikum durchaus skeptisch.

Intimacy (2001)

Der 2013 verstorbene französische Regisseur Patrice Chéreau (Die Bartholomäusnacht) präsentiert mit Intimacy ein herzergreifendes Drama über den Barkeeper Jay (Mark Rylance) und die Schauspielerin Claire (Kerry Fox), die sich jeden Mittwoch zu einem ungezwungenen Schäferstündchen treffen, obwohl sich beide vollkommen fremd sind. Sie sind anonym, kennen nicht einmal den Namen ihres Geschlechtspartners, und trotzdem führen sie auf diesem Wege unbewusst eine intime Beziehung. Als Jay jedoch eines Tages entdecken muss, dass seine Liebhaberin eine verheiratete Familienmutter ist, wird er sich seiner wahren Gefühle für Claire bewusst. Intimacy ist ein trister und trauriger Film, der jedoch niemals in Hoffnungslosigkeit abdriftet. Der prononcierte Sex wird weder besonders leidenschaftlich noch obszön dargestellt, sondern dient lediglich als körperliche Kommunikation zwischen den beiden Protagonisten. Dabei muss man ganz klar sagen, dass Rylance und Fox hier eine derart brillante schauspielerische Leistung abliefern, dass der Film vielleicht sogar ohne die Bilder des tatsächlichen Geschlechtsaktes funktioniert hätte. Letztendlich schadet der Sex dem Film nicht, er wertet das trostlose Drama über verlorene Liebe allerdings auch nicht sonderlich auf.

Einen Film durch fantastische musikalische Untermalung aufzuwerten ist ein wertvolles und beliebtes Stilmittel, welches richtig angewandt zu Gänsehaut, Tränen oder Euphorie führen kann. Das nächste Beispiel beweist allerdings, dass man auch mit 9 wirklich guten Songs aufgrund einer mangelhaften Story ein eher banales Trauerspiel inszenieren kann.

9 Songs (2004)

Die Story von 9 Songs ist so unkompliziert wie banal: Der Brite Matt (Kieran O’Brien) erinnert sich an seine gemeinsame Zeit mit der amerikanischen Austauschstudentin Lisa (Margo Stilley), mit der er insgesamt 9 Rockkonzerte besuchte und gleichgültigen Sex hatte, bevor sie zurück nach Amerika flog. Ende. Dabei kam Regisseur Michael Winterbottom sogar gänzlich ohne Drehbuch aus. Bei den 9 Konzerten handelt es sich um die Mitschnitte folgender Songs: Black Rebel Motorcycle Club – Whatever Happened To My Rock And Roll, Von Bondies – C’Mon, C’Mon, Elbow – Fallen Angel, Primal Scream – Movin’ On Up, Dandy Warhols – You Were The Last High, Super Furry Animals – Slow Life, Franz Ferdinand – Jacqueline, Michael Nyman – Debbie, Black Rebel Motorcycle Club – Love Burns. Also alles in allem wirklich eine solide Tracklist. Und nach jedem Mitschnitt folgt eine explizite Hardcore-Szene in Nahaufnahme. Wie bereits erwähnt, erfolgen diese laut Winterbottom „absichtlich“ unerotisch. Insgesamt kommt 9 Songs auf neckische 69 Spielminuten, abzüglich Konzerte und Kohabitation bleiben allerdings nur 0 Minuten Handlung im Gedächtnis.

Machen wir nun einen kleinen Abstecher in die politische Geschichte der Antike und eines ganz besonderen römischen Kaisers, welcher gemeinhin als wahnsinniger Gewaltherrscher bekannt war:

Caligula (1979)

Von einigen Kritikern despektierlich als „teuerster Porno aller Zeiten“ belächelt, würde ich ihm eher das Prädikat „pornographischtes Historiendrama aller Zeiten“ geben. Denn Regisseur Tinto Brass spiegelt die gewaltverherrlichende Machtherrschaft Caligulas derart wieder, wie es nunmal sämtliche Quellen transportieren. Da der Film vollständig durch das Erotik-Magazin Penthouse finanziert wurde, ließen die Produzenten kurzerhand und ohne Wissen von Brass eine ordentliche Portion Hardcore-Sex-Szenen nachdrehen und reinschneiden. Doch selbst diese maßlosen Orgien rütteln nicht an dem Bild des Kaisers Caligula, welches man sich durch die Überlieferungen selbst gemacht hat. Der Film hält sich grob an die Literaturnachweise über „Das Scheusal“, ergo wird ungezügelt geprasst, gevögelt und abgeschlachtet. Man muss sich bewusst sein, dass den Zuschauer trotz Starbesetzung (Malcolm McDowell, Helen Mirren, Peter O’Toole) eine in jeglicher Hinsicht kontroverse Drecksau von einem Film erwartet, welche sich allerdings nicht so einfach in eine Schublade stecken lässt. Für mich persönlich stimmt das Gesamtbild einfach.

Der folgende Film ist der erste dieser Liste, welcher den Fokus primär auf Erotik, Sinnlichkeit und Verlangen legt. Hier wurde vor allem auf Schönheit und Ästhetik geachtet, wie man nicht zuletzt an der Wahl der Schauspieler (und des Covers) merkt.

Lie With Me -Liebe Mich (2005)

Denn das Titelbild von Lie With Me wirkt wie durch eine rosarote Brille betrachtet. Der ganze Film kommt im Gegensatz zu anderen Erotik-Dramen sehr zart und beleuchtet daher, auch sind hier die realen „Liebesszenen“ extrem rar gesäht. Dabei hätte Regisseur Clement Virgo die Adaption Tamara Bergers gleichnamigen Romans problemlos mutloser und gebrochen darstellen können, wären da nicht diese wunderschönen Menschen. Die promiskuitive Schönheit Leila (Lauren Lee Smith) verarbeitet ihren Vaterkomplex durch wildes, wenn auch nicht wahlloses, Rumhuren. Als sie eines Tages auf ihr männliches Pendant David (Eric Balfour) trifft und eine unvermeidliche Affaire mit dem liierten Playboy hat, scheint sich eine Romanze zu entwickeln, auf die sich keiner der beiden so richtig einlassen will. Lie With Me ist, wie bereits erwähnt, eine Ausnahme auf dieser Liste, da der Film von Beginn an auf eine Versöhnung ausgelegt ist. Nicht zuletzt auf eine Versöhnung mit dem Zuschauer, da der Plot, einiger kritischer Meinungen zu Trotz, niemals auf einen Tabubruch hinsteuert. Lie With Me ist weiterhin der einzige Film der Liste, den man sich potentiell in trauter Zweisamkeit anschauen könnte, um „in Stimmung zu kommen“ …

Eine ganz andere Stimmung kommt bei unserem nächsten Film auf, welcher sich zurecht nebst Werken wie „Salò – Die 120 Tage von Sodom„, „Ex-Drummer“ und „Funny Games“ ein Plätzchen in der Kino Kontrovers Reihe sichern konnte:

Baise-moi – Fick mich! (2000)

Mit dem dramatischen Erotik-Thriller Baise-moi – Fick mich! (in den Staaten konsequent Rape Me! getauft) präsentiert Virginie Despentes das Regiedebut ihres eigenen Romans. Die Geschichte erzählt die verstörende Tour de Force der beiden geschändeten Mädchen Nadine (Karen Lancaume) und Manu (Raffaëla Anderson), die sich auf der Flucht vor dem Rechtsstaat zufällig treffen und sofort eine enge Seelenverbindung durch ihren enorm ausgeprägten Männerhass verspüren. Daraufhin beschließen die beiden im „Bonnie und Bonnie“-Style Männer zu verführen und auf grausame Art in Jenseits zu befördern. Da bereits der Plot ein schwer verdauliches Machwerk prophezeit, ist es keine Überraschung, dass der dreckige Sex ebenfalls von Gewalt und animalischem Verlangen geleitet wird. Da in diesem Film allerdings ohne Zweifel Mord und Totschlag im Vordergrund stehen, gehören die expliziten „Rape-Szenen“ zwingend dazu, um die absolute Resignation der beiden Protagonistinnen zu besiegeln. Dieser Streifen ist definitiv nichts für schwache Gemüter, aber ein kleines Juwel für Freunde der kontroversen Filmkunst.

Beenden möchte ich diese Liste an dieser Stelle mit einer extrem freizügigen Komödie, die allerdings mitunter auch recht bitter daherkommt. Denn nicht umsonst erschien dieser Film ausschließlich in der viel zu früh beendeten Genrefilm-Reihe Autobahn von Senator.

Shortbus (2006)

Shortbus ist ein humoristisches Episoden-Drama von John Cameron Mitchell (Rabbit Hole), in dem die sexuellen Unzuträglichkeiten diverser Großstädtler thematisiert werden. Da wäre zum einen das homosexuelle Pärchen James (Paul Dawson) und Jamie (PJ DeBoy), dessen Beziehung kurz davor steht, durch einen Suizid beendet zu werden. Oder die Paartherapeutin Sofia (Sook-Yin Lee), die hauptberuflich das Liebesleben anderer Menschen aufpeppt, selbst allerdings noch nie einen Orgasmus hatte. Und dann haben wir noch die extrem junge Domina Severin (Lindsay Beamish), die keinen anderen Beruf ausüben kann, da ihr die Fähigkeit des sozialen Interagierens fehlt. Doch all diese Personen verbindet eine Gemeinsamkeit: der anarchistische Swingerclub „Shortbus“.
In diesem Film wird kein Blatt vor den Mund, geschweige denn zwischen die Beine, genommen, tatsächlich existiert bis dato keine zweite Romantik-Komödie, in der „in echt“ soviel gebumst wird. Indessen bekommen wir einen überwiegend optimistischen, aufblühenden Film präsentiert, bei dem man auch herzhaft lachen darf. Freunde der seichten Romantik-Komödien sollten tunlichst einen Bogen um den Streifen machen, da Shortbus erfrischend, oder besser gesagt schockierend ehrlich ist. Ich hätte gerne mehr davon!

Tobi

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